ALTWEISEN

17. Feb, 2022

ALTWEISEN

Fern der Komfortzone. Es gibt kein Handy, auch nicht mal eben online stöbern. Post, Bank und Kaufladen, sind schon vorhanden, doch die nächste Stadt ist weit. Moskau ... wahrscheinlich noch weiter entfernt. Die Zeit spielt eine untergeordnete Rolle. Viel hat sich nicht geändert. Die Vegetationsperiode ist kurz. Heute halten Styroporplatten den obersten Meter des Permafrostbodens frei, vor dreihundert Jahren waren es Mist und Laub.

Eine Schar Kinder, inmitten einer Hundemeute, sie durchstöberten die Gegend. Ein alltägliches Spiel. Mit der Dämmerung müssen sie zu Hause sein. Zwischendurch die Suche nach Schmackhaften, was die Natur eben so hergibt. War der Sammeln - Nasch - Tag nicht so erfolgreich, wird heimwärts der Nase nach, an irgendeiner Blockhütte halt gemacht. Irgendwer hat irgendwo, irgendwie etwas zwecks Versorgung vor dem Haus auf dem Feuer brodeln. Die Kinder zur Okkupation beinahe einen Freibrief. Fingen sie mehr Fische als gewohnt wurde gegen geliefert. Immer wenn das Wasser nach der Überschwemmung zurücklief, holten sie diese aus den Wasserlöchern auf den Wiesen. Jeder Hausvorstand wurde somit auch Kindergärtner. Zum ausbügeln alle Nöte wie Plagen mitverantwortlich ... auch aller Dinge welche der Nachwuchs nun mal mit sich brachte. Manches war etwas größer als nur ein Körbchen Pilze.

Die Hunde machten in einer tief klaffenden Felsspalte kläffend ein Elchkalb aus. Es war über den Moos - Behang gelaufen und samt diesem Polsterkissen hinunter gerutscht. Von der Mutter fehlte jede Spur. Das Findelkind konnte schon keinen Mucks mehr von sich geben, atmete aber noch. Die Kinder bildeten eine Kette. Was für ein Abenteuer. Auf einer Trage aus Zweigen schafften sie das verwaiste Unglücksbündel ins Dorf. Niemand wollte es annehmen. Warum aufziehen ? Wenn sie Elch zu essen haben wollten, um den Vorrat an Elchfleisch kümmerte sich ein anderer. Sie möchten doch den Elchjäger fragen, der solle über das Schicksal des Kleinen entscheiden, vielleicht könnte der sogar was mit ihm anfangen. Schließlich sei er ja der Spezialist für diese Riesen - Viecher.

Jahre später, das Kleine zollte seinen Namen "Peter der Große" alle Ehre. Sein Namensvorbild brütete schon Inkognito einige westliche Innovationen an. Er soll damit als Schiffsbauer gegangen sein. Unvorstellbar unterhalb der Wasserlinie Teer aufzustreichen. Womöglich in Lumpen. Des Zimmermanns ungeschlachtes Benehmen ließ den vermissten Adligen vermuten. Seine Größe schon. Später verlangte diese, dass ein jeder, der auf sich hielt, in seine Stadt investierte. Ganz bescheiden erhielt diese Baustelle den Namen eines Schutzheiligen. Sie steht heute noch, sicher wie der Elch mit seinen langen Stelzen auf wackeligem Grund. Eine Art neu Amsterdam. Mit rigoroser Durchsetzungsmacht, wurde Privilegien ebenso beschnitten werden wie Bärte. Es sei denn, er übte ein heiliges Amt aus. Dann war er davon befreit.

Der zweite Ausflug. Fern der Heimat. Fast täglich fanden Schiebe - Karren Wett - Rennen statt. Sie taten weder den künstlichen Außenanlagen, noch den aufwendigen Parkettfußböden gut. Die Messingbeschläge der Türschlösser wurden auseinandergenommen. Alles was an technischen Errungenschaften das Leben erträglicher machen sollte, wurde entsprechend begutachtet. Vom Keller bis zum Dach. Peter war nicht nur Wissensdurstig. Typisch russische Gastfreundschaft hinterließ auf den Brokat bespannten Wänden bleibende Eindrücke. Bald sollten die herrschaftlichen Pflichten rufen : "Pjotr ... idi zsuda".

Abschiedsgala. Der Neugierde geschuldet, konnten dem jungen Vandalen nicht einmal Absicht unterstellt werden. Dezidiert deutete der englische Landlord wortlos klagend auf Scherben, Möbel, Wandbespannung und ... weiter kam er nicht ... der Zarewitsch zog wie nebenbei zum Abschied einen Diamanten hervor und übergab diesen einem sehr verdutzten Lord. Es stellte sich heraus, dass der Klunker ebenso rein wie kostbar war. Der Landsitz hätte damit mehrfach abgerissen und wieder aufgebaut werden können. Die Höflichkeit erforderte es, ihn zum längeren Verbleib anzuregen. Die Männer ... welche unterschiedlicher nicht hätten sein können, trennten sich in Freundschaft.

Ein mächtiger behaarter Buckel zierte den Rücken und ein langer Ziegenbart gab ihn etwas Orthodoxes. Seine mächtigen Schaufeln, die Zier eines potenten Bullen. Der erlaubte sich die hölzerne Dachrinne vom Hasenstall zu leeren. Darin sammelten sich herunterfallende Früchte vom nahe stehenden Pflaumenbaum. Kein Mensch hatte in dieser Gegend je einen Pflaumenbaum. Als er ihn setzte, Großvater scherte sich nicht drum, was andere davon hielten. Mit seiner lange Oberlippe schmatzte der behäbige Riese die hölzerne Rinne genüsslich leer. Manchmal soff er auch daraus einfach das stehen gebliebene Regenwasser.

Das Tier lebte glücklich, lieferte Fleisch ohne jemals selbst dafür zu enden. Von klein an sollte das eigenartige Fell - Kind sich an den Knall der Büchse und dem Geruch vom Pulverdampf gewöhnen. Erst nur mit schwachen Ladungen. Mit einer Korkartigem Vorlage auf dem Pulver. Die stieß Großvater passend aus dicken Rindenstücken heraus. So viel Aufwand. Die indigen Dorfbewohner schüttelten nur den Kopf. Meinten, den größeren Knall abbekommen, hätte der Großvater. Und ... wie kann er nur die Pflaumen an das Tier abgeben. Bei aller Liebe, das ging ihnen zu weit.

Der zukünftige Jagdhelfer Peter wurde mit seinem Erwachsen werden, tatsächlich unempfindlich gegen die seltsamen Allüren seines Retters. Vielleicht auch ein bisschen taub. Oder war es seine Dickköpfigkeit ... nicht unbedingt auf andere hören zu wollen hatten die Beiden gemeinsam. Peter hielt sich genau wie sein Namensvetter ... persönlichen Eigenarten frei.

Bei Tage suchte der Bulle sich selbst sein Futter im Wald und kehrte am Abend heim. Der Peter pieselte im Hof oft ungeniert da hin wo er gerade stand. Genoss nun seine Obst - Leckerlies und bestand immer noch genauso wie das einstige Tierkind auf seine ausgiebigen Streicheleinheiten. Die Umzäunung zu den seltsam anmutenden Beeten im Dauerfrostboden hatte Großvater verstärkt ... dafür steckte der Muskelberg nun fordernd wie ein Hündchen, seinen Kopf unter des Großvaters Arme hindurch. Mit sanfter Gewalt, seine Art trotzdem ein paar leckere Gemüseblätter zu ergattern. Mehr als einmal schob er dabei den Großvater vom Sitzklotz. Nur eben von oben herunter, auf Meterlangen Beinen. Seine Trittsiegel hinterließen im Matsch, Spuren so groß wie zwei neben einander gelegte Hände. Sie schlugen in Notwehr äußerst harte Kanten. Bären und Wölfe haben einen Heiden Respekt davor.

Nicht nur dass Großvaters Jagdklamotten durch den engen Kontakt die selben Ausdünstungen wie das Tier hatten. Großvater führte vor der Pirsch jedes Mal auf den noch feuchten Piesel - Stellen einen freudigen Tanz auf, hüpfte herum, dass der nasse Dreck nur so herum spritzte.

Fing das Geweih an blutig zu werden, nahmen außer Großvater, alle vor ihm Abstand. Sicherheitshalber verschwanden die beiden einige Zeit in der Taiga. Der Ernte Termin für Elche rückte näher. Im Wald sollte das riesige Tier mit über zwei Metern Widerristhöhe beim Ansprechen Sichtschutz geben.

In der Wand ein einziger kleiner Ausschnitt. Durch eine, auf einen kleinen Rahmen aufgezogene Blase, hatte sich der Tag angekündigt. Beide liefen dann hinaus in die Wildnis ...

durch den Morgen zog sich der wimmernde Ruf einer brünstigen Elchkuh. Großvater holte tief Luft und versuchte sich noch einmal. Ein revierender Bulle antwortete. Kam ... sah und ... nahm den vermeintlichen Eindringling an. An dieser Stelle ging des Großvaters langjährige Rechnung auf. Wenn er das Ziel sicher ansprechen konnte, knallte es dumpf. Er schoss aus der lebendigen Deckung heraus. Das war alles.

Fast jedenfalls, der große Peter, selbst von Hormonen arg gebeutelt würde im Notfall den Prellbock machen. Die eigenen Instinkte ließen ihn in den Platzhirsch Modus gleiten. Dadurch konnte Großvater sich den besonderen Luxus leisten, allein zu bleiben. Die Jagdhütte war der nächtliche Rückzugsort beider. Doch der Peter passte schon lange nicht mehr durch die Tür. Anbei hatte er seinen eigenen Unterstand bekommen. Regendicht, windgeschützt von drei Seiten, ein sicheres Plätzchen. Im Jagdmantel eingewickelt, am Hirsch angelehnt ... erzählte Großvater dem Tier eine Schlummer Geschichte.

Mit jeden Anbruch des neuen Tages sollte der äußerste Notfall trainiert werden. Bisher konnte Peter kaum einen seiner Herausforderer annehmen. Es sei denn dieser war Großvater zu jung. Der Zukunftshirsch sollte die Chance haben seine Gene zu verteilen. Dieser Umstand erlaubte es dem Peter sich so richtig auszutoben. Wenn die Tiere ihre Kräfte maßen umgab eine großartige Geräuschkulisse dieses Naturschauspiel. Heute jedoch wieder einmal nicht. Peter stand enttäuscht vor dem am Boden liegenden Rivalen. Großvater murmelte in der Sprache seiner Vorfahren die überlieferten Worte. Ein altes Ritual. Der Aufbruch war noch nicht ausgekühlt, da erschienen die ersten Dorfbewohner. Wie aus dem Nichts.

Jeder nahm soviel wie er tragen konnte. Das nicht ganz ungefährliche Spiel wiederholte der Alte solange bis alle Speisekammern genug hatten. Dann war Schluss. Die Plumbum - Wumme wurde geputzt, geölt und gewachst. Ruhte für diese Aufgabe erst einmal wieder über dem Türstock.

Dieser alte Vorderlader hatte es buchstäblich in sich. Die Dorfbewohner welche üblicherweise an Pulver sparten, belächelte der Großvater nur. Er überlud seine Büchse stets etwas und meinte, dass niemand so genau wisse ob das Pulver die beste Qualität hatte ... wie groß das nächste Wild sei das vor ihm stände. Und am Schwarzpulver zu sparen, das würde nicht nur bei der bei der Elchjagd in einem Desaster enden. Daran sollte sich nie etwas ändern.

Alleine draußen, gegen einen krank geschossenen Elchbullen, dem kann sich niemand wirklich erwehren. Die kleine Axt welche er auch als Versicherung immer bei sich führte, würde ihn bei jedem anderem Wild aus der Patsche helfen können. Bei einem ausgewachsenen Elchbullen nicht einmal ansatzweise. Die langen Beine schlagen Klauen bewehrt zu. Hämmern auf einen Gegner ungebremst ein. Knochenbrecher.

Gingen bestimmte Fleischvorräte zur Neige, wanderten der Großvater und sein Maskottchen auch mal eben zwischendurch in die Taiga. Natürlich wollte der Halbstarke Enkel es ihm irgendwann bald nachtun. Anstatt der Großvater sein Werkzeug einfach auslieh, organisierte er erst einmal nur eine kleine einläufige Flinte. Die Laufbefestigung hatte er neu anflicken lassen. Die Haarsträubende Ausführung welche Großvater erst einmal dem Dorfschmied zum verlöten gab, war zuvor nur mit einem Draht umwickelt. Der hielt Lauf und Schaft zusammen. Ein äußerst bemitleidenswerter Anblick. Ein ganzes Stück Weg des unleidlichen Spottes wurde dem Knaben wenigstens erlassen. Zu mickerig war ihm die Bleipuste dennoch. Denn zum beeindrucken, taugte das Teil absolut nicht. Weder bei den Dorfbewohnern noch vor seinen Spielkameraden. Aber immerhin.

Großvater bekam von einem städtischen Gaumen die Anfrage ob er demnächst Birkhühner liefern könne. Die Balzzeit näherte sich dem Ende zu. Großvater meinte, er würde es versuchen. Wolle jedoch nichts versprechen.

Der Enkel haderte mit sich und seinem Schicksal am ersten Ansitz. Hatte er sich doch zu allem Überfluss dummerweise zum langweiligsten Job aller Zeiten verpflichten lassen. Diese kleinen Dinger, damit war kein Staat zu machen. Er kannte mehrere offene Stellen, wo die Hühner ihre Balz austrugen. In Scharen.

Ein halbes Dutzend Hähne hatte der Herr gewünscht. Oder gar mehr. Mehrere Hagel von kleinen Schrotkörnern sollten doch jeweils zwei bis drei Tiere auf auf einmal erlegen können. Fünf fein abgestimmte Ladungen hatte er offiziell mit. Heimlich wurden von dem Jungen noch drei weitere in wasserdichte Röllchen aus Birkenrinde gefüllt. Die kleinen Schrotmurmeln waren ausgesucht wie abgezählt und poliert. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Gestern noch spielte er mit seinen Kameraden Schiffchen versenken. Belegten Rindenstücke auf dem Wasser vehement mit Steinwürfen.

Heute dienten Großvaters speziell zugerichtete Holzscheite als Ziel. Er warf sie weiter oben im Fluss ins Wasser. Dort richteten sie sich schwimmend auf. Er hatte jeweils ein Steinchen eingekeilt. Die Strömung trug diese Gebilde mehr oder weniger schnell hinab. Bei einem Treffer legte sich das zersplitternde Holzscheit flach auf die Wasseroberfläche. Großvater beschallte ihn dann jedes mal ein Hurräää. Er schrie bald so oft, dass er fast keine Stimme mehr hatte und schlussendlich nur noch flüsternd zugab, jetzt ist es genug.

Einen großen Elch anzugehen oder den Bären, welcher gelegentlich durch den nahen Fluss schwamm, die wären als Beute was gewesen. Natürlich mit Großvaters Büchse, aber so ... an dem Frusttag wurde das Dutzend Birkhühner voll. Er bereute seine Überheblichkeit schnell. Er hatte keine Munition mehr um Raubwild wenigstens abschrecken zu können. Abgesehen vom Kilometerlangen Fußweg, weidgerecht versorgt werden mussten die wilden Hühner nun auch noch. Die Zeit verflog. Eine Jagdhütte hatte er hier auch nicht. Einen Zeltartigen Unterstand lieferte eine Fichte deren Äste bis auf den Bode hinunterhingen. Er hatte sie mit Ästen von anderen Bäumen verstärkt.

Ein kleines rauchendes Feuer erhellte diese Szenerie und hielt unliebsame Gäste fern. Er warf den Rest Eingeweide von den Birkhühnern hinein. Der frische Aufbruch wäre für Raubwild zu verführerisch. Hier war auch er nur Futter. Seine letzten Krümel seiner Überreste würden wahrscheinlich die Ameisen vertilgen. Was soll's. Leber, Herzen und Mägen bräunten aufgespießt am Glut - Rand. Wie dufteten sie doch verführerisch. Erst im folgenden Morgenlicht ging er wieder nach Hause. Hängte die Hühner in einen extra für diese Zwecke angelegten Keller und legte sich erst einmal, so wie er war, ins Heu zum schlafen.

Der herbeigerufene Gourmet kriegte sich kaum ein, dokumentierte dem Großvater wie scheu doch die Birkhühner seien. Keiner könne denen auch nur nahe kommen. Respekt. Wie auch immer er das so schnell hätte anstellen können. Ohne Umstände legte er die vereinbarte Tauschware vor. Der Großvater zeigte nur schmunzelnd auf seinen zukünftigen Nachfolger, den etwas verschämt wirkenden Enkelsohn. Dieser kaute verlegen auf einem der Halme herum, welche in der Eile herbeigelaufen, immer noch von seinem Haar herunterhingen. Die ohnehin schon verlegene Röte sollte kurze Zeit später noch dunkler werden. Der Feinschmecker aus der Stadt gab dem Jungen reichlich Pulver und Blei. Für zukünftige Jagderfolge.

Am kommenden Morgen standen auf dem Küchentisch an Großvater Platz zwei achter Batterien von Zylindern. Einmal glänzende Projektile. Frisch gegossen. Die Gusskanäle feinabgeschabt und poliert. Dazu ebenso viele Dosierungen an Treibmittel in neuen Birkenrindenröllchen. Wie gewohnt. Großvater schmunzelte und entlastete mit einem freundschaftlichen Schlag auf die Schulter den Knaben. Er konstatierte dem Jungjäger, dass dem die letzten zwei Tagen außerordentlich gut getan hätten. Er eine besondere Schwelle übertreten hätte ... die bedeute ... ein Mann zu werden.